Reformations-/Visionssonntag

Botschaft des Synodalrates zum 2. Visionssonntag
Vielfältig glauben – Profil zeigen
Unser persönlicher Glaube ist geprägt von Lebenserfahrungen, von Prägungen aus der Kindheit und Erlebnissen im Verlauf unseres Lebens. Auch die kirchliche Tradition, in der wir beheimatet sind, und die biblische Überlieferung formen unseren Glauben. Deshalb ist der Glaube immer vielfältig und vielstimmig. Wichtig ist, dass wir unsere Sicht und unsere Überzeugung ernst nehmen und im Dialog mit anderen Glaubenden einbringen. Die Erfahrung des Hörens auf andere und des Mitteilens ist eine Bereicherung und Ausdruck eines lebendigen Glaubens. Dieser Austausch sollte in gegenseitigem Respekt und in Achtung vor dem Glauben der anderen geschehen. Das griechische Wort für Glauben (pistis) hat ein weites Bedeutungsfeld: Es heisst einerseits Glauben, aber auch Vertrauen, Treue oder Zuverlässigkeit. Das heisst mit anderen Worten: Glauben ist nicht das Fürwahrhalten von ewigen Wahrheiten, sondern ein Beziehungswort. Glauben heisst, sich vertrauensvoll auf das Leben einlassen, mit der biblischen Tradition, mit dem Göttlichen, mit anderen Menschen und der Welt im Gespräch sein, in der Hoffnung darauf, dass Gottes Treue und Verlässlichkeit uns trägt in den verschiedensten Lebenssituationen und für unser Leben Sinn macht. Auch in der Bibel begegnet uns ein vielfältiger Glaube. In den biblischen Geschichten begegnen uns Menschen, die ihre Erfahrungen mit Gott gemacht haben. Diese verschiedenen Erfahrungen führen auch zu Konflikten und Auseinandersetzungen. Ein Beispiel dafür ist der Konflikt zwischen dem Apostel Petrus, als Vertreter der Urgemeinde in Jerusalem, und dem Völkerapostel Paulus. Beim Apostelkonzil in Jerusalem (Apostelgeschichte 15) kommen die Apostel und die Ältesten der Gemeinde zusammen, um im Gespräch miteinander eine Lösung zu finden. Sie lassen die verschiedenen Positionen gelten und finden einen Weg, der für die junge Kirche wegweisend ist.

Auch unsere Kirche, die Reformierten Kirchen Bern-Jura-Solothurn, ist eine Kirche, in der vielfältige Glaubensformen und Überzeugungen ihren Platz haben. Im Gespräch und in gegenseitigem Respekt versuchen wir, gemeinsam Lösungen zu finden, die einen Weg in die Zukunft weisen, zum Wohle der Kirche und der Menschen, die zu unserer Kirche gehören, aber auch zum Wohle der Gesellschaft, in der wir leben, und der weltweiten Gemeinschaft. Heisst vielfältig glauben, dass wir beliebig werden, dass wir kein Profil zeigen? Im Gegenteil: Im Hören auf die biblische Botschaft sind wir aufgefordert, Profil zu zeigen. Gott selber ergreift Partei – für die Armen und Schwachen und für seine Schöpfung. Der Ökumenische Rat der Kirchen hat dies mit der Aufforderung an die Kirchen auf den Punkt gebracht, sich einzusetzen für «Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung». Unser Einsatz für Gerechtigkeit hier bei uns und weltweit ist eine grosse Aufgabe, bei der wir aufgefordert werden, Stellung zu beziehen. Der Einsatz für den Frieden und die Versöhnung hier bei uns und weltweit fordert uns heraus, Wege zum friedlichen Miteinander zu suchen. Und unser Einsatz zur Bewahrung der Schöpfung ist ein dringendes Anliegen, wenn wir wollen, dass wir unseren Kindern und Grosskindern eine Welt hinterlassen, in der sie leben und weiterhin die Wunder der Schöpfung geniessen und bewundern können.Vielfältig glauben ist ein inspirierender Reichtum, und Profil zeigen eine Herausforderung, damit diese Welt, Gottes uns anvertraute Schöpfung, eine Zukunft hat.

Ueli Burkhalter, Synodalrat